J ... daß ein Fragment die Präzision im Detail braucht. D.h. je präziser der Chor ist, desto fragmentarischer wird das andere, was ja real so ist. (...) Schlicht und ergreifend die Präzision oder die Genauigkeit oder die Energie oder die Freude, was alles der Chor vermittelt, je mehr man das hat, desto mehr fragmentiert sich das andere.
J Rein technisch muß man ja mal fragen, was das heißt, in dem Jahrhundert den Chor wieder zu installieren, nicht als irgendein Beiwerk, sondern als die zentrale Qualität. Diese Versuche von Brecht, letztlich auch irgendwie von Müller, im deutschen Sprachraum wieder auf den Chor zu gehen. Als zentralem Punkt der Dramatik. Nicht nur ein Chörchen irgendwo, sondern daß der Chor im Zentrum ist. Und du kannst dieses Verhältnis natürlich nicht mehr so installieren wie in der Antike, das ist Quatsch.
S Das erste Mal, daß mich das wirklich interessierte, einen Chor zu sehen. Es gab keine Einheit, und gleichzeitig, denn das ist die einfachste, die uninteressanteste Art wenn alle gleichzeitig sprechen, aber es gab eine Einheit, die sich mit den Differenzen konstituiert. Das ist sehr schön, und das ist die einzige Art, den Chor zu arbeiten, was mich die ganze Zeit über an der Arbeit interessiert.
J ... aus der Präzision des Chores heraus kann man jegliche andere Unpräzision oder Präzision aktivieren, installieren, zerfallen lassen, neu konstruieren, aber das braucht den Moment. Ich persönlich glaube, der zentrale Moment von Fatzer ist der Chor. Auch im Schreiben. Und daß das mißlungen ist, hat meiner Meinung nach damit zu tun, daß Brecht nicht damit umgehen konnte, dem Verhältnis Chor und Protagonist, mit dem parteiischen Verhältnis von Chor und Protagonist. Das hat er in allen Dingen hingekriegt und zwar über den Kompromiß, daß er den Chor negiert oder musikalisiert hat in einer populären Weise.
(aus einem Arbeitsgespräch zu Fatzer mit Sylviane Dupuis und Josef Szeiler Genf 1998/ Auszug aus einem Dokumentationsentwurf )