L'Expérience du Fragment (Info Dimanche, Genf, 14.6.1998, Yvan Rihs)

(...) Für die französischsprachige Erstaufführung hat sich das Ensemble in eine gigantische Forschungs - und Übersetzungsarbeit hineingekniet. Es ist eine "unfertige" Arbeit, die den Zuschauer einlädt, ihrer Entwicklung zu folgen und bei der sein Blick Vorstellung für Vorstellung mitarbeiten muß.
"Ein fertiges Produkt ist wie eine fertiger Mensch, das ist ein toter Mensch" sagte Gatti. Eine Behauptung, die legitimerweise auch von den Aktivisten dieses "Pädagogiums" sein könnte, in dem der Besucher bewußt auf die Suche nach Indizien zum hypothetischen Bau einer Fabel geschickt wird, die vom "Fatzerdokument" nie vollendet wurde. Eine Suche ohne Endpunkt, Abend für Abend aufgeschoben, lediglich angehalten durch die Entscheidung der Regisseurin (das kann zwischen drei und sieben Stunden dauern).
Individuelle oder kollektive Erfahrung?
Vier Soldaten, unter der Führung Fatzers, verlassen die Schützengräben und verstecken sich nach ihrer Desertion, um auf die Revolution zu warten. "Wir müssen zusammen bleiben" erklären sie, aber die Notwendigkeiten des täglichen Überlebens (Hunger, sexuelle Begierde, Besitztrieb) spaltet sie. (...) Daraus resultiert diese neue Front, der Konflikt zwischen kollektiven Perspektiven und individueller Freiheit.
In vielfältigen Ritualen, häufig bemerkenswert inspiriert und begeistert, werden die Bilder dieses - parzellierten - dialektischen Kampfs entwickelt. Bald verstreut über die Räume des Theaters, bald wieder vereint, um die Bewegungen zu koordinieren, die vom Sprechen aus komponiert sind, antwortet sich, unterbricht sich, verstummt oder explodiert der Chor, dieser FATZER, kollektiv aber diskontinuierlich.
Und der Zuschauer ist durch die Begegnung mit dieser Interaktion v.a. mit seiner eigenen Identität konfrontiert. Er versucht, entgegen aller Offensichtlichkeit, sich mit dem Verlust seines Status' als "Publikum" abzufinden, seinen eigenen Parcours durch das Spiel zu wählen, seine Freiheiten zu ermessen. Ist er Akteur? Zeuge? Richter?


Brechts Kommentar: "Ich leite lediglich die Untersuchung und meine Methode dabei ist es, die der Zuschauer untersuchen kann."



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