Le theatre cherche son nord (Le Temps, Genève, 5.6.1998, Alexandre Demidoff)

Ohne Übertreibung. Fatzer in der Regie von Claudia Bosse am Grütli-Theater in Genf wird die Zuschauer verwirren, aufbringen oder verführen. Eines jedenfalls ist sicher: es wird sie nicht gleichgültig lassen. Nicht, weil die junge Regisseurin von der Brechtschen Alma Mater um jeden Preis die vom hundertsten Geburtstag Brechts angelockte Kundschaft schockieren wollte. Sondern weil dieses theatrale Ereignis selbst Ort eines Experiments ist, das die Funktionen der Gleichung neu verteilt: Schauspieler und Stimme, Publikum und Bühne, Handlung und Zeit. Das Publikum wird Position ergreifen: Die einen werden diesen Fieberschüben entfliehen, den Zeiten brutaler Stille und den anderen scharfen Schnitten in diesen Vorstellungen in progress. Die anderen werden das Spiel mitspielen, sich der - programmierten - Langeweile aussetzen und Gefühle erproben, die weiter gehen, die um so stärker empfangen werden, als sie sich in den beängstigenden "toten" Zeiten vorbereiten.
Experiment. Das Wort allein würde Claudia Bosse und ihre Gruppe junger Schauspieler ohne Zweifel nicht zufriedenstellen. Es trifft sich aber mit der Radikalität des Vorhabens. Und mit dem Text des jungen Brecht: ein fragmentarisches Werk, ein Werk des Aufbruchs, nicht zur Veröffentlichung geplant. Offenes Gelände ins Unbekannte der Sprache und des Denkens. Die Fabel, die Geschichte des Soldaten Fatzer, den seine Kameraden exekutieren werden, zählt weniger als die Anstöße der Schreibweise, in der Brecht wild und ungebändigt Reflexion und Erzählung, Sprechen und Denken verschaltet, verbindet, verkoppelt.
Das literarische Experiment findet im Grütli seine räumliche Konkretisierung: es gibt keine Trennung zwischen dem Saal und der Bühne, alles spielt sich auf gleichen Niveau in einem riesigen nackten Raum ab, der nur strukturiert ist durch am Boden befestigte grüne Hocker - und in der geöffneten Kulisse. In diesem räumlichen Dispositiv wählt das Publikum Blickwinkel und Richtungen, von einer "Schwingung" des Spiels zur nächsten, mitgeführt durch die Schriftzüge auf dem Boden des Saals.
Und auch die Zeit hat eine bestimmende Rolle. Mehr als vier Stunden am Abend der "Premiere" - auch dieser Begriff kommt an seine Grenzen - zerreiben die Sinne im Wechsel von Müdigkeit und plötzlichen Schüben von Energie. Manche Sequenzen verlieren sich im Nebel der Erinnerung, andere finden sich ein in eine erkennbare Ordnung. Sequenzen? Ja, es gibt sie. Die Fragmente werden, mit bestimmten Buchstaben bezeichnet, laut aufgerufen, oder in einer variablen Kombination von Claudia Bosse eingegeben. Auf der Spielfläche werfen die Spieler, in schwarze Overalls gekleidet, sich die Repliken zu, flüsternd oder brüllend, mechanisch oder impulsiv. Diese Geschichte hier (...) spielt ein Spiel, das jeden einbezieht.

Und erst durch die Einsamkeit aller kommt es zur Begegnung.
Jegliche Fiktion von Verbindung - sozialer oder anderer - wird hier wirklich auf die Probe gestellt: In der Art und Weise, wie die Spieler sich sammeln und zerstreuen, wie sie sich überschneiden, sich anstoßen, weitertreiben. Bis hinein in die Physis der Worte, wo die Verbindungen zwischen den Repliken systematisch gelöscht sind. Claudia Bosse gelingt es, die Brechtsche Prosodie umzusetzen. Sie löst mit dieser streng rhythmisch gegliederten Sprechweise jede wie auch immer vage Vorstellung von Harmonie auf. In den so hervorgebrachten Leerstellen entstehen - in der Improvisation - neue Verbindungen zwischen Spielern und Publikum. Dafür genügt im Grund ein weniger feiger Blick als gewöhnlich oder das Rauschen des Stoffs oder die gemeinsam erlebte Erschöpfung.
Bertolt Brecht L' Irreductible
(Info Dimanche, Genf, 14.6.1998, Lorenzo Malaguerra)

Sieht man heute ein Stück von Brecht, dann verheißt das nur zu oft den Genuß einer bestimmten Behaglichkeit. Die Fabel nimmt den Zuschauer an der Hand und führt ihn sicher und sanft durch die Windungen der Dialektik. Auf der Bühne wird ein menschliches Wesen zermalmt, im Zuschauerraum zerstreut sich das Publikum ein wenig vor dem Essen. (...) Nach einigen Gläsern im Foyer oder nach eben jenem Essen lacht man schließlich aus ganzen Herzen über die Idee, daß, so wie der Kommunismus, auch Brecht im Alkohol aufzulösen ist.
Fatzer gehört nicht zu dieser Art Vergnügen. Denn es gibt über die Welt verstreut einen unreduzierbaren Kern von Leuten, die den Dramatiker Brecht weiter auskundschaften. (...) Sie behaupten - mit ihm -, daß Theater nichts mit unmittelbarem Verstehen zu tun haben muß. (...) Sie befragen das Theater auf seine Kapazität, das Theater zu verändern, ehe sie die Welt verändern. (...) Sie denken, daß die Kraft Bertolt Brechts in der Schärfe und Rauheit seines Schreibens liegt und nicht in seiner Eignung als Aperitif. Fatzer erwächst aus dieser Lektüre.

L'Expérience du Fragment (Info Dimanche, Genf, 14.6.1998, Yvan Rihs)
(...) Für die französischsprachige Erstaufführung hat sich das Ensemble in eine gigantische Forschungs - und Übersetzungsarbeit hineingekniet. Es ist eine "unfertige" Arbeit, die den Zuschauer einlädt, ihrer Entwicklung zu folgen und bei der sein Blick Vorstellung für Vorstellung mitarbeiten muß.
"Ein fertiges Produkt ist wie eine fertiger Mensch, das ist ein toter Mensch" sagte Gatti. Eine Behauptung, die legitimerweise auch von den Aktivisten dieses "Pädagogiums" sein könnte, in dem der Besucher bewußt auf die Suche nach Indizien zum hypothetischen Bau einer Fabel geschickt wird, die vom "Fatzerdokument" nie vollendet wurde. Eine Suche ohne Endpunkt, Abend für Abend aufgeschoben, lediglich angehalten durch die Entscheidung der Regisseurin (das kann zwischen drei und sieben Stunden dauern).
Individuelle oder kollektive Erfahrung?
Vier Soldaten, unter der Führung Fatzers, verlassen die Schützengräben und verstecken sich nach ihrer Desertion, um auf die Revolution zu warten. "Wir müssen zusammen bleiben" erklären sie, aber die Notwendigkeiten des täglichen Überlebens (Hunger, sexuelle Begierde, Besitztrieb) spaltet sie. (...) Daraus resultiert diese neue Front, der Konflikt zwischen kollektiven Perspektiven und individueller Freiheit.
In vielfältigen Ritualen, häufig bemerkenswert inspiriert und begeistert, werden die Bilder dieses - parzellierten - dialektischen Kampfs entwickelt. Bald verstreut über die Räume des Theaters, bald wieder vereint, um die Bewegungen zu koordinieren, die vom Sprechen aus komponiert sind, antwortet sich, unterbricht sich, verstummt oder explodiert der Chor, dieser FATZER, kollektiv aber diskontinuierlich.
Und der Zuschauer ist durch die Begegnung mit dieser Interaktion v.a. mit seiner eigenen Identität konfrontiert. Er versucht, entgegen aller Offensichtlichkeit, sich mit dem Verlust seines Status' als "Publikum" abzufinden, seinen eigenen Parcours durch das Spiel zu wählen, seine Freiheiten zu ermessen. Ist er Akteur? Zeuge? Richter?


Brechts Kommentar: "Ich leite lediglich die Untersuchung und meine Methode dabei ist es, die der Zuschauer untersuchen kann."



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