MassakerMykene

von Aischylos und Brecht

ein Projekt des theatercombinat

 

Projektleitung                                                                                                            

Claudia Bosse

Josef Szeiler

Spieler                                                                                                                        

Markus Keim

Andreas Pronegg

Arno Rabl

Tina Sezen

Christine Standfest

Doreen Uhlig

Tina Zoufaly

Gäste                                                                                                                          

Georg Danek (klassische Philologie)

Edwina Hörl (Modedesign)

Christian Koblizek (Photographie)

Christian Ofenbauer (Komposition)

Trainer                                                                                                                         

Wang Dongfeng

Sonja Schmidlehner

 

 

das projekt wird unterstützt durch die stadt wien

theatercombinat

 

 

C 2 fatzerdokument

  

„der zweck, wofür eine arbeit gemacht wird, ist nicht mit jenem zweck identisch, zu dem sie verwertet wird. so ist das fatzerdokument zunächst hauptsächlich zum lernen des schreibenden gemacht.

wird es späterhin zum lehrgegenstand, so wird durch diesen gegenstand von den schülern etwas völlig anderes gelernt, als der schreibende lernte. ich, der schreibende, muss nichts fertigmachen. es genügt, dass ich mich unterrichte. ich leite lediglich die untersuchung und meine methode dabei ist es, die der zuschauer untersuchen kann."                           

Bertolt Brecht, Fatzer-Fragment

 

Arbeit(s)Motive

 

Erforschung theatraler Produktion und Rezeption

Chor

Rhythmische Sprach- und Körperarbeit

Strukturierte Improvisation

Erstellen eines Arbeitsjournals im Internet (http://go.to/massakermykene)

 

Der Grundkörper im Raum ist ein chorischer. Der Einzelne hat, die Regel des Chores beachtend, alle individuelle Freiheit.

Der Zuschauer ist Mitgestalter des Raumkörpers.

Das theatrale Geschehen ordnet sich nicht aus der Identifikation des Spielers mit einer Figur, nicht aus der Zuteilung der unterschiedlichen Textstrukturen in Spielergruppen, sondern vielmehr aus einem gleichberechtigenden Wechseln, Tauschen, Gegenüberstellen aller Spieler mit den Texten, bei Präzision der rhythmischen Unterschiedlichkeiten der Texte und Situationen.

Jeder Spieler soll das Ganze im Auge haben, nicht nur einen segmentierten Part, sondern alle Parts in ihrer genauen konfliktreichen Differenz.

Die räumlichen und akustischen  Gegebenheiten werden in ihrer Spezifizität  genutzt. In die architektonischen Strukturen wird nicht eingegriffen, sondern über den Widerstand mit ihnen gearbeitet.

 

Es gibt weder Zuschauerraum noch Bühne. Der  Raum ist Gesamterfahrungsraum für Zuschauer und Spieler.

 

Die Proben sind öffentlich. Für jede Veröffentlichung werden neue Versuchsanordnungen erstellt

 

 

MassakerMykene

 

Seit Anfang 1999 arbeiten wir in Wien an dem Projekt MassakerMykene.

 

Texte: Orestie (Aischylos) und Fatzer- Fragment (Brecht).

 

Spielort: verlassener Schlachthof St. Marx, Wien (gebaut um 1880), ca. 50.000 m².

 

Projektdauer: bis Ende 2000.

 

Produktive Auseinandersetzung mit der Raumstruktur heißt: die Gruppe erarbeitet auf dem Schlachthofgelände eine auf Ort/ Architektur/ Akustik bezogene Arbeitsfassung.

 

 

 

 

Mit freundlicher Unterstützung der Stadt Wien.
MassakerMykene

 

I. Textmaterial

 

Oresteia von Aischylos (I Agamemnon; II Choreophoren, III Eumeniden), in der Übersetzung von Oskar Werner und in Auszügen aus dem altgriechischen Orginaltext unter Beratung von Prof. Georg Danek.

Fatzer-Fragment von Bertolt Brecht (3. und 4. Arbeitsphase in der chronologischen Ordnung der kommentierten Ausgabe von Dr. Günther Gläser mit selbstrecherchierten Angleichungen an die Manuskripte im Brecht-Archiv, Berlin).

 

 

II. Ort

 

Schlachthof St. Marx. Das uneinheitliche Gelände konfrontiert in seiner Anlage verschiedene Zeitzonen: Die Schlachthallen, die betonierten Vorplätze, die Stadtautobahn. Im Konflikt dieser Pole, beim Geräusch der Stadt, wird es unmöglich Illusionsräume aufzubauen. Die Realität ist als „störendes“ Moment immer vorhanden. Die karge Weiträumigkeit der Anlage steht im Widerspruch zur Enge und Kleinteiligkeit der Stadt. Ein verlassener Ort.

 

 

III. Text

 

Eine Tragödie in drei Teilen aus dem 5.Jh. v. Chr., geschrieben für den Wettbewerb. Ein Fragment aus dem 20.Jh., geschrieben zur "Selbstverständigung“ (Brecht).

 

"Der Mythos in seiner authentischen Form gibt Antworten, ohne jemals genau die Fragen zu formulieren. Die Tragödie, wenn sie mythische Formen verwendet, benutzt diese, um durch sie Probleme zu zeigen, die keine Lösung haben."                              

JeanPierre Vernant

 

"Der Text ist präideologisch, die Sprache formuliert nicht Denkresultate, sondern skandiert den Denkprozess. Er hat die Authentizität des ersten Blicks auf ein Unbekanntes, den Schrecken der ersten Erscheinung des Neuen. (...) Der Schreibgestus ist der des Forschers, nicht der des Gelehrten, der Forschungsergebnisse interpretiert, oder des Lehrers, der sie weitergibt."

Heiner Müller zu Fatzer

 

Die Antwortlosigkeit der Tragödie, des Fragments - keine Sinnstiftung von Recht, Politik, Philosophie. Eine Untersuchung von Bedingungen.

Zentrum und Perspektive der verwendeten Text - Modelle ist der Chor.

 

 

VI.   Arbeitsansatz

 

"Ein Ritual ist eine Abfolge von Handlungen, die im Namen eines einzelnen oder einer Gemeinschaft ausgeführt werden und die dazu dienen, Raum und Zeit zu regeln, sowie den Menschen nach Kategorien und den sie verbindenden Beziehungen ihren Platz zuzuweisen.“

Louise Briut Zaidman/ Pauline Schmitt Pantel

 

Die Arbeit zielt auf die Erprobung von Theater als rituellem Erfahrungsraum für soziale Praxis.

Kommunikationsstrukturen werden erarbeitet, die die Formen der Selbstverständigung von Theater - Raum, Spiel, Regie und Betrachter - in Frage stellen. Im Probenprozeß wird ein Gestenpotential entwickelt, das den Schauspielern erlaubt, sich körperlich zu den Texten in Beziehung zu setzen. Die Entwicklung neuer Strukturen in einem offenen Arbeitsprozeß erfordert eine heute unübliche Zeitspanne.

 

 "... Wer den Chor auf die Bühne bringe, müsse seine Entstehung darstellen.“

Karl Mickel zitiert Brecht nach Dessau.

 

Die Struktur der Texte setzt gesellschaftliche Modelle, mit denen man sich sprachlich und formal konfrontieren muß. Beim Lärm der Autobahn.

Der Text gibt einen bestimmten Rhythmus vor, als Reibungspotential für Spieler/Zuschauer. Er organisiert ebenso wie der Raum die Gesten/ Ausdrucksmittel/möglichen Konstellationen.

 

Nähe- und Distanzverhältnisse finden im Alltag keine offene, je zu erprobende räumliche Form. Alles geschieht in kleinen Räumen. Es gibt keine „Sichtweiten“, man ist sich immer irgendwie nah. In weiten, gestalteten Räumen können soziale Verhältnisse räumlich austariert und sichtbar werden.

 

Die Arbeit untersucht Konstitution und Veränderung der räumlichen Strukturierung von Erfahrung.

 

Die architektonische Anordnung von St.Marx sprengt die Gesetze von Theater - Akustik, Perspektive etc. Distanzen sind nicht angedeutet, sondern real. Auf Grundlage der Texte müssen Techniken entwickelt werden, so daß das gesamte Schlachthausgelände als theatralisches System bearbeitet werden kann. Der Zuschauer ist Bestandteil dieses Systems.

 

Theaterschlachthaus.

 

 

V. Zeit

 

Es ergibt sich ein Arbeitszeitraum ab Februar 1999 bis Ende 2000. Diese lange Dauer und die Arbeitsweise fordern ein anderes Arbeiten mit der Öffentlichkeit.

 

MassakerMykene ist immer öffentlich, d.h. beobachtbar. Auf dem Schlachthof St.Marx ist man nie allein – es kommt laufend zu Zufallsbeobachtungen und –begegnungen mit Anwohnern, Arbeitern, Hundebesitzern, Spaziergängern, Ordnungshütern, Obdachlosen, Freunden und Feinden.

 

Etwa alle drei Wochen laden wir ein zu Veröffentlichungen, in denen Fragmente der Arbeit gezeigt werden. Jede Veröffentlichung ist anders,  Teil des gesamten Prozesses, der in seiner Dauer und Entwicklung vom Zuschauer beobachtet und verändert werden kann. Die Dauer kann zwischen einer und 24 Stunden betragen. Gearbeitet wird durchs ganze Jahr.


VI. Raum

 

Kein Theaterhaus. In die Struktur der Räume wird nicht eingegriffen (keine Dekoration). Mit ihnen wird gearbeitet, wie sie sind.

 

" ... durch den Raum (...) verändert sich die ganze Arbeitsweise... Grundprinzip ist, daß man das Theater verändern muß. Das ist der Ausgangspunkt, und wenn man das will, muß man die Grundstruktur verändern: daß die Zuschauer auf der einen Seite sitzen und die Schauspieler auf der anderen. Wenn man das ändern will, ist man gezwungen, anders zu arbeiten, weil man nicht mehr die Bühne hat, durch die alles klar abgezirkelt ist. Wenn man einen Raum hat, erweitert den Raum nach außen hin, dann müssen die Schauspieler anders arbeiten und der Regisseur auch."         

Josef Szeiler

 

VII.  Kooperation

 

Innerhalb des Projekts findet eine Zusammenarbeit mit der Altphilologie und der Theaterwissenschaft (Arbeitsdokumentation mit Video und Schrift ) der Universität Wien statt.

 

VIII. Literatur

Aischylos

Oresteia in Tragödien. Tusculum, griechisch-deutsch in der Übersetzung

von Oskar Werner, 1996.

BertoltBrecht

Fatzer-Fragment. Suhrkamp Verlag. Frankfurt/Main 1997.

Hans Thies Lehmann 

Theater und Mythos. Stuttgart 1990.

KarlMickel 

Pelageja Messinowa, oder: Der Chor. (1997),

Marbacher Bibliothek Band II

Louise Briut Zaidman/ P. Schmitt Pantel  

Die Religion der Griechen. München 1997.


IX. theatercombinat

 

Vereinsstruktur

Der Theaterverein theatercombinat wurde 1999 in Wien gegründet. Seine Tätigkeit ist nicht auf Gewinn gerichtet. Die erforderlichen finanziellen Mittel werden durch Spenden (Sponsoring) und Subventionen der öffentlichen Hand (Gemeinde, Bund) aufgebracht.

Es besteht eine Kooperation mit dem theatercombinat berlin (Deutschland) und der associationgenèveberlin (Schweiz).

Gegenstand des Vereins ist die Erforschung, Veröffentlichung und Dokumentation theatraler performativer Kommunikation.

Schwerpunkt: Chorische Improvisation mit Text (rhythmisierte Literatur), Architektur, Körper und Zuschauer.

Vereinssitz ist Wien, Österreich.

tct

Wien, im Herbst 1999

Anschrift

theatercombinat c/o Claudia Bosse

Bienengasse 3/10 

1060 Wien

Tel:   0043/1/913 94 83

Fax : 0043/1/913 94 85

zurück zur hauptseite