"Poesie ist entstanden aus der Unmöglichkeit, die Antike zu übersetzen."

Aus: Aischylos Übersetzen.

Ein Gespräch mit Heiner Müller. In: Aischylos, Die Perser, Übertragung Peter Witzmann, 1991.



Es gibt in den Chorliedern keine lineare Erzählung und keine eindeutig geschiedenen Realitätsebenen – immer von heute aus gesehen – „Realität“ und Geschichte also bzw. deren literarische Darstellung setzen sich zusammen aufgrund differenter Wahrnehmungsmodi und Wahrheitsvorstellungen. Alles nun gesagt vor dem Hintergrund der Spezifik der jeweiligen Übersetzung, sind die Strophen ein zunächst undurchschaubar scheinendes Wirrwarr komplizierter grammatikalischer, zeitlicher und metaphorischer/symbolischer Bezüge. Bleibt also für den Verstehensprozeß der Spieler (und Zuschauer) einerseits traditionelle „dramaturgische“ Arbeit – gemeinsames Übersetzen aus dem Altgriechischen mit Georg Danek, Lektüre, und zugleich die Konkretisierung durch das Sprechen.

Die interne Hierarchie und Rhythmik der Sätze ist keine Frage des „hohen Tons“, sondern Zeugnis der antiken Haltung. Im Sprechvorgang geht es nun darum, diese „Vorkonstruiertheit“ sich klar zu machen, d.h. im Sprechen selber bereits Hierarchisierungen der Satz/Versteile vorzunehmen, ohne jedoch dadurch „hinter der Sprache“ zurück zu bleiben – nur mehr passiver Ausführender eines klassischen und insofern mit kulturellem Wert beladenen „Tons“ zu werden. Immer zugleich dagegen angehen, im Sprechen, gegen die Vorbestimmtheit des Verses , ohne seine Kraft zu unterlaufen oder zu ignorieren. Die Figuren geben sich nie auf.“

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